
Im Buch «Ihr sollt die Wahrheit erben» verarbeitet Anita Lasker-Wallfisch ihre Erfahrungen und Erinnerungen während des zweiten Weltkrieg und ihrer Zeit im Konzentrationslager. Anita und ihre Schwester Renate sind zwei von sehr wenigen Menschen, die in einem Konzentrationslager überlebt haben. Dies hatten sie unter anderem der Musik zu verdanken. Da Anita Cello spielen konnte, wurde sie ins Mädchenorchester von Auschwitz aufgenommen und war im Vergleich zu anderen Häftlingen in einer privilegierten Lage. 1944 wurde sie von Auschwitz ins Konzentrationslager nach Bergen-Belsen überführt. Dort waren sie Zustände noch schlimmer, da extreme Hungersnot und Krankheiten herrschten. 1945 wurden die Schwestern von den Alliierten Truppen befreit. Anitas Wunsch war es, Deutschland zu verlassen und mit ihrer Schwester nach England zu gehen. Nach einiger Zeit gelang ihnen dies. Anita gründete in England eine Familie und schwor sich, nie mehr nach Deutschland zurückzukehren. Im hohen Alter entschloss sie sich dazu, ein Buch über die Erlebnisse im Krieg zu schreiben. Sie fühlte sich verpflichtet, zur Aufklärung über die Herrschaft des Nationalsozialismus beizutragen und die Wahrheit ihren Kinder sowie der ganzen jungen Generation weiterzugeben.
Über die Erinnerungen, welche die Autorin in ihrem Buch wiedergibt, haben wir im Deutschunterricht gesprochen. Ein wichtiger Begriff im Zusammenhang mit sehr belastenden Erinnerungen ist die Ich-Stabilisierung. Darunter versteht man die psychische Stabilisierung von Menschen, die ein Trauma erlebt haben. Wenn eine Person infolge eines traumatischen Erlebnisses extreme Angst oder Stress verspürt, kann dies dazu führen, dass sie handlungsunfähig ist. Die Ich-Stabilisierung ist ein Vorgang, in welchem die Erinnerung an das traumatische Erlebnis verändert und so abgespeichert wird, als ob die Person aktiv in Geschehen eingreifen konnte und somit handlungsfähig war. Es handelt sich um einen automatischen Mechanismus, welcher sich unbewusst abspielt. Es kann davon ausgegangen werden, dass Anita in ihrem Buch Erinnerungen aufgrund des Vorgangs der Ich-Stabilisierung verfälscht wiedergab. Ein Beispiel hierfür ist die Beschreibung, wie sie sich im Konzentrationslager Bergen-Belsen beim ersten Anblick einer Leiche freiwillig meldet und aktiv mithilft, diese wegzubringen. Sie schreibt, sie habe sich selbst beweisen wollen, dass nichts unmöglich sei und es keine Situation gebe, mit der sie nicht fertig werde (Seite 149). Anita war damals ein junges Mädchen, welches im Konzentrationslager viel Traumatisches erlebte. Dass sie, als sie zum ersten Mal eine Leiche sah, sich sogleich freiwillig meldete und aktiv half diese wegzutragen, erscheint unwahrscheinlich. Es ist davon auszugehen, dass die Erzählung von der Realität abweicht, um das Erlebte unbewusst besser verarbeiten zu können. Der Vorgang ist ein Beispiel für Ich-Stabilisierung, während die Person in Wirklichkeit aufgrund der Traumatisierung handlungsunfähig war. Zudem wurde das Buch in den 90er Jahren und damit rund 50 Jahre nach den Geschehnissen geschrieben, was vermutlich ebenfalls zu einer gewissen Verfälschung der beschriebenen Erinnerungen geführt hat. Dies bedeutet aber überhaupt nicht, dass das Buch nicht ein eindrückliches und wichtige Zeitzeugnis über die Verbrechen der Zeit des Nationalsozialismus ist und Anita im Konzentrationslager Schreckliches erlebt hat. Auch wenn Opfer von traumatischen Erlebnissen ihre Rolle in der Geschichte leicht verändern, haben sie das Trauma erlebt und es ist falsch, ihre Erzählungen als falsch zu bezeichnen.
Im zweiten Teil möchte ich genauer auf die Mechanismen eingehen, die Menschen zur psychischen Stabilisierung verhelfen. Diese natürlichen Mechanismen werden auch Abwehrmechanismen genannt. Durch diese psychischen Vorgänge werden innere Konflikte reguliert und so wird die seelische Verfassung einer Person entlastet. Dies geschieht meist unbewusst. Sie sind kein Zeichen von Schwäche, sondern ermöglichen die Bewältigung unbewusster psychischer Konflikte.
Anita nimmt also auf natürliche Weise die Erinnerungen anderer KZ-Häftlinge auf und speichert sie ab, als wären es ihre eigenen. Dieser Vorgang lässt sich psychoanalytisch als Introjektion beschreiben: Introjektion und Identifikation wehren Angst vor Bedrohungen von aussen ab. Äussere Einflüsse wie Verhalten, Anschauungen oder Werte einer anderen Person werden in die Ich-Struktur integriert, sodass das Individuum sie nicht mehr als Bedrohungen erleben muss. Solche Abwehrmechanismen können nützlich sein, um traumatische Erlebnisse nicht vollständig zu verdrängen, sondern gezielt in der Erinnerung zu bewahren.
Um eine solche Ich-Stabilisierung zu erlangen und mit belastenden Erinnerungen konstruktiv umzugehen, gibt es verschiedene Techniken. Durch Stabilisierungstechniken kann sich die betroffene Person selbst helfen und mit belastenden Erlebnissen und ihren Folgen besser umgehen lernen. Ein zentrales Beispiel dafür sind Atemübungen: Bewusstes Atmen kann das Denken verlangsamen und beim Entspannen helfen. Es verhindert übermässiges Denken und das Versinken in Trauer über die Vergangenheit und Sorgen über die Zukunft. Diese innere Ruhe ist die Voraussetzung dafür, dass belastende Erinnerungen bearbeitet werden können.
Die Ich-Stabilisierung ist auch ein erster und wichtiger Schritt bei der Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Dabei spielt die sogenannte Distanzierungstechnik eine zentrale Rolle. Bei der Screen-Technik erlebt die Person das erlittene Trauma wie einen Film aus der Vergangenheit noch einmal. Sie tut dies jedoch mit grossem Abstand zum Geschehenen. Erinnerungen, Gefühle, Gedanken und Körperreaktionen können so bewusst wahrgenommen und portionenweise verarbeitet werden. Durch dieses kontrollierte Wiedererleben lernt die Person, ihre inneren Bilder aktiv zu gestalten, anstatt ihnen ausgeliefert zu sein. Die Bilder können in Grösse und Farbintensität verändert werden, wodurch Distanz entsteht und eine Überflutung vermieden wird.

Eine entscheidende Rolle bei der Verarbeitung traumatischer Erlebnisse spielt das limbische System. Insbesondere die Amygdala – auch als emotionales Gedächtniszentrum bekannt – speichert Angstsignale und löst bei ähnlichen Reizen automatisch eine Stressreaktion aus. Der Hippocampus wiederum ist zuständig für die zeitliche Einordnung von Erinnerungen. Bei einem Trauma kann dieses Zusammenspiel gestört werden: Die Amygdala bleibt dauerhaft aktiviert, während der Hippocampus die belastende Erinnerung nicht korrekt als „vergangen" ablegen kann. Genau hier setzen Stabilisierungstechniken an – sie helfen, das limbische System zu beruhigen und die Kontrolle über traumatische Erinnerungen schrittweise zurückzugewinnen.