Welche Rolle spielt die Autorität in der Erziehung?

22. Januar 2026
Autorität in der Erziehung

Ein Essay über die Probleme von heutiger Erziehung.

Als der Lehrer gerade zuversichtlich die Tür vom Lehrerzimmer öffnet und sich auf den Weg ins Klassenzimmer macht, sieht er auf dem Flur schon die Familie Meier mit ihrem Sohn Stefan. Nach dem unmöglichen Benehmen von Stefan von letzter Woche forderte der Lehrer ein Gespräch mit Stefans Eltern. Die Eltern und der Lehrer begrüssen sich sehr herzlich und gehen zusammen mit Stefan ins Klassenzimmer. Dort beginnt der Lehrer, die Situation der vergangenen Woche den Eltern von Stefan zu erklären. Der Lehrer erzählt, wie Stefan seine Mitschüler terrorisiert und so den Unterricht für die ganze Klasse stört. Doch die Eltern von Stefan antworten überraschend, dass der liebe Stefan in der Klasse doch unterfordert sei und damit nur seinen Charakter auslebe. Der Lehrer hat so eine Antwort nicht erwartet. Verblüfft versucht der Lehrer, die Eltern doch noch zur Vernunft zu bringen und Disziplinarstrafen für Stefan vorzuschlagen, doch die Eltern wollen nichts davon hören. Nach einer dreiviertelstündigen Diskussion verabschiedet sich die Familie Meier mit einem etwas weniger herzlichen «Danke!» vom Lehrer. Dieser setzt sich  erneut auf sein Stuhl und überlegt. Neulich hat er ein Interview von einem Erziehungswissenschaftler gelesen, in welchem stand, «Heutzutage haben die Eltern den Impuls, allein ihr Kind zu schützen.» Ja, dies kann der Lehrer definitiv bestätigen. Allerdings bringt ihn dies zum Nachdenken und er überlegt:  Wie konnten sich Autoritätspersonen früher durchsetzen und was hat sich in der Erziehung und im Umgang mit Kindern seit seiner Jugend verändert?  

Der Lehrer erinnert sich an seine eigene Kindheit: "Zu meiner Schulzeit haben meine Eltern mich auf keine Weise derart in Schutz genommen. Sie hätten wahrscheinlich viel mehr die Position der Lehrperson eingenommen. Ich wäre alleine schon gar nicht auf die Idee gekommen, meine Mitschüler zu terrorisieren, sodass meine Eltern zu einem Gespräch eingeladen werden. Sobald meine Eltern so etwas herausfinden, hat es strenge Strafen für mich gegeben. Da ich den Jahrgang 1981 habe, bin ich von meinen Eltern nicht wie noch zuvor in den Fünfzigerjahren geschlagen worden, aber durchaus auf andere Art bestraft worden. Ich kann mir nur schwer denken, dass Stefan zuhause die gleichen Bestrafungen bekommt. Nein, im Gegenteil! Wenn der zuhause ist, verbringt er seine Zeit sicherlich vor seinem Handy. Mit dem er online sowieso nur Inhalte anschaut, die sein respektloses Verhalten noch verstärken. Das wäre sicherlich schon ein erster Punkt. Man muss bei solchen Kindern zunächst wieder die Autorität der Eltern herstellen und dann auch die Autorität der Lehrpersonen.

 Die Eltern sollten Stefan nach so einem Gespräch die Handyzeit für eine Woche streichen. Ich meine Stefan ist in der fünften Klasse, wofür braucht er überhaupt ein Handy?

Der Grund für den Beschützerinstinkt der Eltern lässt sich mit dem Interview vom Erziehungswissenschaftler gut beantworten. Die Überzeugung, was eine gute Erziehung ist, hat sich seit meiner Jugend verändert. Ich glaube, früher ging es noch darum, dass die Kinder selbstständig werden, ihren Weg im Leben finden und nicht mehr die Zuneigung und Unterstützung der Eltern angewiesen sind. Heutzutage wollen Eltern hingegen zu sehr von ihren Kindern geliebt werden und ja nichts machen, mit dem sie den Ärger der Kinder auf sich ziehen. Sie sind von der Liebe ihrer Kinder richtig abhängig. Dies ist genau der Fehler. Der Sinn einer guten Erziehung ist es, dass das Kind lernt, wenn es etwas falsch gemacht hat, dass es dafür bestraft wird. Die Eltern sollten deshalb in einem Gespräch mit dem Lehrer das Kind nicht für seine schlechten Aktionen unterstützten oder sogar dazu ermuntern."  

Der Lehrer löscht das Licht von dem Klassenzimmer und schliesst mit seinem Schlüssel die Tür. Auf dem Weg durch das Schulhaus zurück ins Lehrerzimmer reflektiert er nochmal seinen Gedankengang. Seiner Ansicht nach ist den Eltern von Stefan nicht bewusst, wie eine gute Erziehung wirklich funktioniert. Wenn der Lehrer an seine Kindheit zurückdenkt, dann haben seine Eltern einen ganz guten Job gemacht. Dies ohne gewaltvolle Erziehung oder indem sie ihre Autorität ausgenutzt haben. Man soll die Kinder schliesslich nicht mit militärischen Methoden erziehen und ihnen zur Bestrafung harte Arbeit geben, sondern mit einer gesunden Autorität gegenüber den Kindern. Eine solche Autorität übertragen die Kinder dann auch auf andere Erwachsene wie ihre Lehrpersonen und lernen einen respektvollen Umgang. Der Lehrer schliesst die Tür zum Lehrerzimmer hinter sich.

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